Die Vorteile der RFID-Technologie gegenüber herkömmlichen Identifikationstechnologien entstehen hauptsächlich durch reduzierten Handlingaufwand, verbesserten Diebstahlschutz und erhöhte Datenverfügbarkeit. Die beiden erstgenannten Bereiche generieren direkte Nutzeneffekte für die Unternehmen, beispielsweise durch verkürzte Prozesszeiten, Fehlervermeidung und Reduzierung von Diebstählen. Eine verbesserte Datenverfügbarkeit hingegen ermöglicht häufig zukünftige Optimierungsmaßnahmen der Logistik aufgrund einer besseren Identifizierbarkeit von Auslastungen, Engpässen und weiteren relevanten Kennzahlen. Aus diesen Gründen räumen über 60 Prozent der Entscheidungsträger in Unternehmen der RFID-Technologie eine hohe strategische Priorität ein. Dennoch ist sie bislang nur in etwa 3% der Betriebe tatsächlich eingesetzt worden, etwa 50% der Projekte scheitern (1). Die Gründe hierfür sind zu einem großen Teil in den eingesetzten Bewertungsverfahren zu sehen, die für die spezifischen Besonderheiten von RFID-Investitionen häufig nicht angepasst sind. Zu diesen Besonderheiten zählen zahlreiche qualitative Nutzeneffekte wie erhöhte Prognosegüten oder bessere Rückverfolgbarkeit, die im Rahmen einer RFID-Einführung generiert werden und in monetär messbare Größen überführt werden müssen. Auch Schwankungen der erwarteten Zahlungsströme treten aufgrund der strategischen und vielfältigen Effekte der RFID-Einführung sowie der noch nicht abgeschlossenen technologischen Entwicklung häufig auf. Zusätzlich ergeben sich aufgrund der eingeführten Basistechnologie und der verbesserten Informationsverfügbarkeit aus der Ersteinführung von RFID im Unternehmen zahlreiche mögliche Folgeprojekte, die weitere Optimierungsmaßnahmen umsetzen und hierbei von der bereits vorhandenen Infrastruktur profitieren. Möglicherweise ergibt sich ein positiver Gesamteffekt erst durch eine aggregierte Betrachtung von Ausgangs- und Folgeprojekten.
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Abbildung 1: Konzeption der Nutzenbewertungsmethode des IML |
Die meisten Unternehmen nutzen für Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen die Kapitalwertmethode. Diese bietet eine einfache, nachvollziehbare Berechnung mit einem prägnanten Endergebnis, das den Nutzen direkt beziffert. Sie bietet jedoch in ihrer klassischen Form nur unzureichende Möglichkeiten der Berücksichtigung der beschriebenen Faktoren bei RFID-Investitionen, so dass durch fehlerhafte Kapitalwerte leicht falsche Rückschlüsse auf den wahren Wert der Investition gezogen werden. Aus diesem Grund wurde am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund eine Bewertungsmethode entwickelt, die durch Kombination und Weiterentwicklung vorhandener Ansätze eine vollständige Kosten-Nutzen Rechnung für RFID-Investitionen ermöglicht. Sie beruht auf der Kapitalwertmethode und bietet somit den Unternehmen eine vertraute Ausgangsbasis sowie nach wie vor eine aussagekräftige Zahl zur direkten Nutzenbezifferung als Endergebnis. Hierzu wird das Instrument zunächst durch eine parallele Prozesskostenrechnung sowie die Erstellung von Ursache-Wirkungs-Ketten unterstützt, um sämtliche direkten, qualitativen und quantitativen Kosten- und Nutzeneffekte berücksichtigen zu können. In einem zweiten Schritt wird eine Monte-Carlo-Simulation ergänzt, die eine Berücksichtigung der Unsicherheit der angenommenen Entwicklung vornimmt. In einem dritten Schritt werden der strategische Wert und die Handlungsflexibilität des Managements unter Zuhilfenahme der Kapitalwertmethode integriert. Eine Übersicht der Konzeption zeigt Abbildung 1. Die entwickelte Methodik basiert auf einer für das Fraunhofer IML angefertigten Diplomarbeit, die im Oktober 2007 mit dem Förderpreis der Unternehmergruppe Ostwestfalen als beste Diplomarbeit des Jahres 2007 ausgezeichnet wurde. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die Bewertungsmethode für die Beschäftigten in den betroffenen Bereichen nur einen geringen Mehraufwand gegenüber der ausschließlichen Anwendung der Kapitalwertmethode bedeutet und gleichzeitig erheblich mehr Effekte als bislang berücksichtigt werden können.
(1) Vgl. Vojdani, N. / Spitznagel, J. / Resch, S. (2006): Konzeption einer systematischen Identifikation und Bewertung von RFID-Einsatzpotentialen. In: ZWF, Jahrg. 101 (2006) 3, S. 102-108
